Offener Brief an Katrin Werner, Mitglied des Menschenrechtsausschusses im Bundestag, DIE LINKE

Sent:  June, 13 2011 08:21 AM
To: Katrin Werner MdB
Subject: Ausbeuterische Kinderarbeit weltweit bekämpfen

Sehr geehrter Frau Werner,

Ihr Einsatz gegen Kinderarbeit im anderen Ländern ist lobenswert, doch grundlegend nicht objektiv. (11.06.2011 www.linksfraktion.de/pressemitteilungen/ausbeuterische-kinderarbeit-weltweit-bekaempfen-2011-06-11/)

Wie können sich das deutsche Volk und seine Politiker gegen Kinderarbeit aussprechen, wenn Zwangsarbeit im eigenen Land, in einer Demokratie, noch immer verschwiegen wird?

Vergebens wartete ich darauf, dass Frau Heidrun Dittrich am 9. Juni in ihrer Rede im Bundestag die Zwangsarbeit in Zusammenhang mit den misshandelten Heimkindern anspricht.

Frau Werner, das Übereinkommen 29 (Übereinkommen über Zwangs- oder Pflichtarbeit, 1930) existiert seit 1930, und doch galt es für die Heimkinder der Nachkriegszeit nicht. Was Zwangsarbeit war, wird noch heute verharmlosend als “Arbeit“ bezeichnet:

Ich zitiere Dorothee Bär (CDU/CSU):

”Die älteren Heimkinder wurden im Heim und für das Heim zur Arbeit geschickt, aber auch für externe Betriebe verpflichtet. Selbstverständlich gab es für ihre Arbeit keinen Beitrag für die Rentenkasse.“

Frau Marlene Rupprecht (Tuchenbach) (SPD) erwähnte zwar die Menschenrechtsverletzungen, sagte aber kein Wort zur Zwangsarbeit.

Selbst in der Rede von Frau Heidrun Dittrich (DIE LINKE) erkenne ich keine Stellungname zum Thema “Zwangsarbeit“.

Dr. Peter Tauber CDU/CSU: Unerträglich!
Diese Opfer mussten sich aber durchkämpfen. Sie schreiben, dass es fürsorgliche Heime gab. Heime mit Schutz, Geborgenheit und Schulausbildung ohne Arbeitszwang?“

Frau Werner, viele dieser Heimkinder wurden gezwungen.

Wir, die Opfer, erkennen, dass die Politik immer noch nicht wahrgenommen hat, dass es sich hierbei um Zwangsarbeit handelte.

Manche dieser Jugendlichen mussten unter direktem und / oder indirektem Druck Lehrverträge unterschreiben oder Arbeiten verrichten, die ihre Biographien folgenschwer prägten. Sie durften keine Schulen besuchen, keine Ausbildung nach eigenen Vorstellungen wählen; sie mussten sich dem System unterordnen und als billige Arbeitskräfte den deutschen Nachkriegs-Wirtschaftsaufschwung ohne Bezahlung und ohne Rentenbeiträge unterstützen.

Bitte lesen sie:
Meine Jugendjahre im Mädchenheim Weiher

Erweiterte Erinnerungen in Englisch

Warum gibt es immer noch Rechtfertigungen zu diesem Thema, frage ich?

Selbst nach 1949 wurde das seit 1930 bestehende Übereinkommen bei Heimkindern missachtet – zum Vorteil derer, die von der Sklavenarbeit profitierten.

Bevor wir gegen Kinderzwangsarbeit in anderen Ländern kämpfen, sollten wir erst einmal die ehemaligen Kindersklaven im eigenen Land nerkennen, sie für ihre Arbeit bezahlen, Renten-Nachzahlungen leisten und die unter Zwang veränderten Biographien als solche wahrnehmen.

Wie viele dieser Zwangsarbeiterkinder/Jugendliche der Nachkriegsjahre könnten heute im Bundestag sitzen, hätten sie eine Bildungschance bekommen? Stattdessen müssen sie, als ehemalige Hilfsarbeiter von der Gesellschaft missachtet, von Hartz IV und mit unverarbeitetem Kindheitstrauma leben.

Mit freundlichen Grüßen,
Sieglinde Alexander

EMaK Erwachsene Misshandelt als Kinder
www.emak.org

————————

Sent: June 15, 2011 11:38 PM
From: Katrin Werner MdB
Subject: AW: Ausbeuterische Kinderarbeit weltweit bekämpfen

Sehr geehrte Frau Alexander,

vielen Dank für ihre Nachricht an Frau Werner. Es handelt sich allerdings um zwei verschiedene Themen. Frau Werners Presseerklärung thematisierte die Situation von Kindern und Jugendlichen, die aus Gründen der Massenarmut DERZEIT unter extrem unmenschlichen und ausbeuterischen Bedingungen weltweit arbeiten müssen, um den Lebensunterhalt für sich und ihre Familien zu verdienen.

In Ihrem Fall, so wie ich ihn sehe, geht es um politische Anerkennung/Wiedergutmachung für erlittenes, früheres Unrecht. Ich sehe keinen Widerspruch darin, sich gleichzeitig gegen ausbeuterische Kinderarbeit weltweit UND für die Aufarbeitung früherer Zwangsarbeit in Deutschland einzusetzen. Selbstverständlich befürwortet Frau Werner persönlich, dass die von Missbrauch oder von Zwangsarbeit betroffenen, ehemaligen Heimkinder nicht nur eine moralische Wiedergutmachung erhalten, sondern ggf. auch materiell/rentenrechtlich entschädigt werden. Hinsichtlich der politischen Zuständigkeiten ist das Thema im Ausschuss für Familie, Senioren, Frauen und Jugend angesiedelt. Ich empfehle Ihnen daher, sich direkt an MdB Heidrun Dittrich von der Linksfraktion zu wenden. Sie ist hierfür meines Wissens die richtige Ansprechpartnerin und wird sicherlich bemüht sein, Ihnen eine kompetente Sachauskunft zu geben bzw. auch gern weiter behilflich zu sein.

Mit freundlichen Grüßen
Heiko Langner
-Wissenschaftlicher Mitarbeiter-

————————

Sent: June 16, 2011 5:25 PM
To: Katrin Werner MdB – Heiko Langner
Subject: RE: Ausbeuterische Kinderarbeit weltweit bekämpfen

Sehr geehrter Herr Langner,
herzlichen Dank für Ihre Antwort.

Ich versichere Ihnen, dass es mir hier nicht allein um die Unterstützung des „Billigangebots“ geht, das vom RTH (Runder Tisch Heimkinder) ausgearbeitet wurde und in Wirklichkeit nichts anderes ist als eine neue Entwürdigung der Heimopfer. Es geht vielmehr um die auffällige NICHT-ZUSTÄNDIGKEIT aller Parteien, wenn das Thema Menschenrechtsverletzungen im Nachkriegsdeutschland zur Diskussion steht.

Sehr geehrter Herr Langner, das Thema Menschenrechte im eigenen Land habe ich schon 2002 in allen Fraktionen aufgeworfen. Niemand fühlte sich zuständig.

Darf ich hierzu ein aktuelles Beispiel liefern.

Markus Löning, Menschenrechtsbeauftragter der deutschen Bundesregierung, ist ausschließlich zuständig für das Ausland. Während meiner Recherchen musste ich erkennen, dass es in Deutschland für deutsche Bürger keine Menschenrechtskommission gibt, die sich mit dem Missbrauch, den Misshandlungen und der Sklavenarbeit der ehemaligen Heimkinder auseinandersetzen könnte. Auch die ILO kann angeblich nichts zur Heimkindersklavenarbeit sagen, und selbst der RTH hat den Antrag eines Mitglieds des Runden Tisches, doch auch einen Menschenrechtsexperten einzuladen, ignoriert.

Ihre Antwort ist ein weiterer Beweis dafür, dass auch Frau Werner nicht zuständig ist für das Thema Menschenrechtsverletzung in Deutschland. Die Frage bleibt also: Wer ist zuständig?

Meine Beobachtung ist, dass immer und überall Kinder dann zur Arbeit gezwungen werden, wenn sie missachtet und entwertet werden.

Kinder werden benutzt und ausgenutzt, weil sie der Unterdrückung durch die Erwachsenengesellschaft wehrlos ausgeliefert sind. Solange Kinder, wo auch immer in der Welt, nicht wertgeschätzt und respektiert werden, wird es Kindersklaven und Kindesmisshandlung geben.

Haben nicht die Ignoranz und Geringschätzung der deutschen Gesellschaft der Nachkriegsjahre die Kinderarbeit unterstützt und möglich gemacht? Ist es nicht auch die heutige Generation (Gesellschaft und Politik), die die Anklagen der Heimkinder dadurch missachtet, dass sie sich nicht zuständig fühlt und schweigt?

Wie soll eine solch selbstbezogene, selbstgerechte Gesellschaft sich für Kinder in Armutsländern ernsthaft interessieren, wenn Menschenrechtsverletzung im eigenen Land ignoriert wird?
Kennen Sie (und dies ist nur ein Beispiel von vielen) einen Menschen, der bewusst keine Schokolade isst, weil er den Zusammenhang mit den Menschenrechten begreift? Es werden weiterhin Produkte aus Ländern mit Kinderversklavung gekauft und somit zwangsläufig Menschrechtsverletzungen gebilligt.

Solange die Gesellschaft die Ursachen und Auswirkungen von Missbrauch (in jeder Form) nicht erkennt, sich nicht massiv für das Recht und die Achtung des Kindes einsetzt, wo auch immer in der Welt, ist der Weg zu weiterem Missbrauch in der nächsten Generation vorgezeichnet.

Mit freundlichen Grüßen,
Sieglinde Alexander

Zurück zu Artikel auf Deutsch